Textilbeton in St. Valentin: So werden Bushaltestellen zum öffentlichen Kunstraum!

25.04.2017

Eine Bushaltestelle ist eine Bushaltestelle. Oder etwa doch nicht? In einer Gemeinde in Niederösterreich sieht man das etwas anders: Bushütten sind Teil des öffentlichen Raums – und somit dürfen sie gern zur Lebensqualität der Menschen beitragen. Die Folge dieser schönen Erkenntnis: Künstler sollen Haltestellen gestalten. Mit dem idealen Material: Textilbeton.

St. Valentin, westlichste Stadt in Niederösterreich, gilt als beliebter Touristenort. Für Tagesausflügler aus Linz etwa ist das Städtchen ein schönes Ziel: Die Pfarrkirche zum St. Valentin, das Schlössl Seggau oder das Bäckerhaus aus dem 17. Jahrhundert locken hier Besucher an. Ein Vorteil der Stadt: Als Verkehrsknotenpunkt liegt St. Valentin besonders für den öffentlichen Verkehr günstig, der Bahnhof zählt zu den ältesten im ganzen Land. Seit einigen Jahren verläuft hier zudem die Westbahn in Richtung Wien durch den Sieberg-Tunnel – und natürlich fahren hier viele Leute mit dem Bus.

Das soll sich in Zukunft noch verstärken: St. Valentin erhält nach und nach sechs neue Bushaltestellen, die sich bestens in den Ort integrieren. Die Gestaltung nimmt das historische Ambiente des Städtchens auf, verweist aber gleichzeitig in die Zukunft. Dafür sorgen ebenfalls sechs Künstlerinnen und Künstler – besser gesagt: Studierende der Akademie der bildenden Künste in Wien. Die nämlich wurden eingeladen, die neuen Bushütten zu konzipieren.

Stadtentwicklung mit Textilbeton: Kunst im öffentlichen Raum

Auslöser für die außergewöhnliche Zusammenarbeit war ein Stadtentwicklungsprojekt, das 2015 startete: Stadtrat Patrick Hagmüller beschloss gemeinsam mit Doris Haider, die fürs Stadtmarketing verantwortlich ist, eine Arbeitsgruppe zu bilden. Man nahm je einen Raumforscher, Geografen und Baumeister ins Boot. So kam es zu einer Kooperation mit der Wiener Akademie der Bildenden Künste. Vor allem Professorin Michelle Howard war schnell begeistert – und mitverantwortlich für das Material, das ausgewählt wurde: Textilbeton. Für die irische Architektin, die lange für Renzo Piano arbeitete und inzwischen in Wien gelandet ist, zählt Textilbeton zu den wahren Zukunftsmaterialien: „Mit diesem Material kann man Beton herstellen, der so langlebig ist wie das Pantheon in Rom, weil endlich ohne korrosionsanfälliges Material gebaut werden kann“, sagt sie – aber sie schränkt auch gleich ein: „Bisher wurde dieser Baustoff noch nie im Außenbereich eingesetzt.“

Warum ist das so? Darauf gibt es nur eine Antwort: Textilbeton, also zementgebundener Baustoff, bei dem als Bewehrung Carbonfasern eingesetzt werden, wird überhaupt noch nicht sehr lange verwendet. Erst zur Jahrtausendwende wurde der damals neue Verbundwerkstoff gefördert. Ursprünglich sah man vor allem die Möglichkeit, Massivbauwerke damit zu verstärken oder instandzusetzen. Die Vorteile von Textilbeton sind freilich enorm: Er ermöglicht extrem schlanke Betonbauteile von bis zu nur einem einzigen Zentimeter!

Novum: Freistehende Struktur aus textilem Beton

So kommt es also, dass sich die niederösterreichische Gemeinde in die Geschichtsbücher des Baustoffs einträgt: Die wohl erste freistehende Struktur aus textilem Beton in Europa befindet sich hier! Um den öffentlichen Verkehr in der Stadt so richtig in Szene zu setzen, fertigte das Studio CMT (Konstruktion, Material & Technologie) des Instituts für Kunst und Architektur unter der Leitung von Michelle Howard und deren Kollegen Luciano Parodi gleich mehrere außergewöhnliche Entwürfe für Bushütten an. Es entstanden expressive Entwürfe für Wartehäuschen. Die Bushaltestellen sollen so durch wiedererkennbares Design in Zukunft als eine Art Wahrzeichen für St. Valentin verstanden werden – zugleich sollen neue Aufenthaltsorte für die Stadt entstehen.

Die Stationen werden in einem klaren Bezug zueinander stehen, dennoch hat jedes einzelne Element einen eindeutig individuellen Charakter. Die Vorreiterrolle in Bezug auf Textilbeton geht in eine weitere Runde: St. Valentin macht wie kaum eine andere Gemeinde auf Alternativen zum motorisierten Individualverkehr aufmerksam. So wird auch ein klares Statement zur Verkehrswende abgegeben!

Die Umsetzung der Kunstaktion erfolgt unter der kompetenten Anleitung von Dr. Johannes Kirnbauer von der TU Wien und seinem Team. Zunächst entstand ein Prototyp im Baustofflehre-Labor der TU Wien – der wurde bereits in St. Valentin aufgestellt. Das innovative Projekt darf also auch als Forschungsprojekt gelten, da hier die zukunftsträchtige Betonbautechnologie aus Ultra-High-Performance-Beton und textiler Bewehrung aus Carbonfasern als Hochleistungsfaserstoffe eingesetzt werden. Eine weitere Erkenntnis kommt dem Kunstgedanken zugute: Faltungen erhöhen die Tragfähigkeit enorm, was komplexe Formen fast schon notwendig macht. Hier dürfen also flache Elemente dreidimensionale Räume umschließen – so werden die Bushütten in der Stadt mit ihren rund 10.000 Einwohnern also zu belastbaren und gleichzeitig schönen Sehenswürdigkeiten!

Künstler vor Ort: Charisma aufgenommen

Dass die Arbeiten zu Ambiente und Charisma des Städtchens passen, dafür hat die Gemeinde bereits im Vorfeld gesorgt. Die Künstlerinnen und Künstler verbrachten nämlich allesamt einige Tage in St. Valentin, als Gäste mit freier Kost und Logis. So konnten sie das Lebensgefühl des Ortes in sich aufnehmen – und in ihre Kunst einfließen lassen. Ob es gelungen ist? Das werden in Zukunft mit Sicherheit viele Besucher herausfinden wollen. St. Valentin jedenfalls ist auf Schaulustige gefasst, wenn alles fertig ist. Am besten natürlich, sie kommen mit dem Zug. Oder gleich mit dem Bus!

Sämtliche Entwürfe sind übrigens hier zu sehen – mit Fotogalerie.

Alle Bilder: © CMT Studio/akademie der bildenden künste, Wien