Wenn Beton-Emissionen zu Plastik werden

Wenn Beton-Emissionen zu Plastik werden
CO2-Emissionen der Zementindustrie sind großteils prozessbedingt. Es gibt Pläne, sie zu senken.

von Jakob Zirm, erschienen am 29. Mai in Die Presse
 
In den meisten Fällen ist der Weg, wie CO2-Emissionen in der Industrie reduziert werden können, der gleiche: Fossile Energieträger wie Erdöl, Erdgas oder Kohle müssen einfach durch erneuerbar erzeugte Energieträger wie Ökostrom, Biogas oder Biomasse ersetzt werden. Und schon ist die Produktion CO2-neutral.

Etwas anders sieht das bei der Herstellung von Zement aus, der als Grundstoff für Beton oder Mörtel in der Baubranche nicht mehr wegzudenken ist. Denn dort wird zumindest in Österreich schon heute 80 Prozent der Energie aus sogenannten Ersatzbrennstoffen — meist aufbereitete Kunststoffabfälle — bezogen. “Wir setzen schon lange kein Erdgas mehr ein, sondern versorgen uns hier aus einem regionalen Stoffkreislauf”, sagt Sebastian Spaun von der Vereinigung der österreichischen Zementindustrie. 

Dennoch stößt die heimische Zementproduktion jedes Jahr Millionen Tonnen CO2 aus und gehört zu den größten Emittenten im Land. Grund sind sogenannte prozessbedingte Emissionen. “Kalkstein muss zunächst auf 850 Grad erhitzt werden, um daraus ein Calziumoxid zu erhalten. Dabei entweicht aus dem Kalkstein das CO2. Zwei Drittel der Emissionen sind daher bei der Zementproduktion prozessbedingt”, sagt Spaun. Weltweit sorgt die Branche mit 2,5 Milliarden Tonnen Kohlendioxid somit für 4,5 Prozent aller Treibhausgasemissionen.

Fahrplan. Doch das soll sich in den kommenden Jahren ändern. Vergangene Woche präsentierte die heimische Industrie ihre CO2-Roadmap, mit der sämtliche CO2-Emissionen bis 2050 auf null gesenkt werden sollen. Knapp 40 Prozent der Reduktion soll durch eine Verringerung der CO2-intensiven Bestandteile im Endprodukt erreicht werden — also weniger Klinker im Zement und weniger Zement im Beton. Was auf den ersten Blick einfach erscheint, stellt jedoch große Anforderungen an die Bauindustrie, weil diese mit veränderten Eigenschaften wie einer längeren Dauer des Abbindens zurechtkommen muss. Weitere 13 Prozent der Emissionen sollen verringert werden, indem Recycling-Beton mit CO2 “aufgeladen” wird. Das ist ein chemischer Prozess, bei dem alter Beton zusätzliches Kohlendioxid speichern kann.

Der größte Brocken mit 44 Prozent Anteil am Reduktionspfad macht jedoch die Verwendung des Kohlendioxids für andere Anwendungen aus. Der heimische Marktführer Lafarge will hier zusammen mit Verbund, OMV und Borealis aus CO2 und Wasserstoff künstliche Kohlenwasserstoffe herstellen — die Basis für Kunststoffe und ein Ersatz für Erdöl und Erdgas. “Kunststoff ist definitiv ein Weg, um den Kohlenstoffkreislauf zu schließen”, sagt Lafarge-Österreich-Chef Berthold Kren. Denn diese Kunststoffe könnten nach ihrer Verwendung auch wieder zu frischem Ersatzbrennstoff für die Zementindustrie verarbeitet werden und aus den Emissionen daraus neuer Kunststoff. Bis 2025 soll der Bau einer Pilotanlage beschlossen werden. Im Endausbau könnte man bei einem CO2-Preis von 150 Euro je Tonne konkurrenzfähig zur konventionellen Produktion sein, so die Hoffnung.

Roadmap zur CO₂-Neutralität der österreichischen Zementindustrie bis 2050:

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