Ernst und Sohn Ingenieurpreis 2022: Konstruktionen mit Beton

Bereits seit 1988 gibt es ihn – und alle zwei Jahre sorgt er im gesamten deutschsprachigen Raum bei allen, die mit Architektur und Bauingenieurwesen zu tun haben, für große Aufmerksamkeit: Der Ernst & Sohn Ingenieurbaupreis wurde 2022 bereits zum 17. Mal verliehen. Damit werden herausragende Ingenieurleistungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgezeichnet, denen es gelingt, den konstruktiven Ingenieurbau ins öffentliche Bewusstsein zu rücken – und so das herausragende Wirken von Bauingenieurinnen und Bauingenieuren und ihr Engagement für die Baukultur zu loben. Dem Preisträger 2022 gelingt das in ganz besonderem Maße: Das Projekt „Erneuerung Saaneviadukt und Doppelspurausbau, Gümmenen (Schweiz)“ von Fürst Laffranchi Bauingenieure GmbH reagiert in vorbildlicher Weise auf aktuelle Anforderungen hinsichtlich Nachhaltigkeit und Ressourcenerhaltung“ – nicht zuletzt durch eine raffinierte Verbundkonstruktion aus Stahlbeton.

Gewinner: Viadukt im schweizerischen Gümmenen (Foto: LucaFerrario)

Was die Mobilitätswende fördert, besitzt heute große gesellschaftliche Relevanz. Das macht die Entscheidung der siebenköpfigen Jury nur logischer: Das ausgezeichnete Viadukt leistet „einen zeitgenössischen Beitrag zur Baukultur. Der rücksichtsvoll kreative und subtile Umgang mit dem denkmalgeschützten Bestandsbauwerk überzeugte die Jury“, heißt es in der Begründung. Und weiter: „Die neuen Tragelemente fügen sich unaufgeregt in das Bild des Gesamtbauwerks ein.“

Und vor allem: „Die Konzeption des neuen Schottertrogs in Segmentbauweise ermöglichte die Weiterleitung der Zusatzlasten weitgehend ohne Verstärkungen. Die lokalen Erweiterungen durch eine Verbundkonstruktion aus Stahlbeton mit vorgesetztem Mauerwerk fügen sich respektvoll in die ursprüngliche Gestaltungsidee ein.“

Unverzichtbar: Beton und seine flexiblen Vorteile

Mit anderen Worten: Durch den intelligenten Einsatz von Beton und seine flexiblen Vorteilen nicht zuletzt als hybrider Baustoff wurde hier eine bestehende Stahlfachwerkbrücke in eine neuzeitig interpretierte und dennoch klassische Lösung verwandelt. Schließlich gibt es gerade in der modernen Architektur und im zeitgemäßen Ingenieurswesen zahlreiche Beispiele dafür, wie sich mit innovativen Betonideen alte Bestände mit Leben füllen lassen. Die Jury würdigte übrigens auch den „sorgfältigen und ressourcenschonenden Umgang mit dem Viadukt“ und war „beeindruckt von der Selbstverständlichkeit dieser komplexen und anspruchsvollen Umbaumaßnahme“. Klar also, dass innerhalb der Jury vor allem Nachhaltigkeitsthemen mit großer Lebhaftigkeit diskutiert wurden.

„Es ist ein Projekt, bei dem das Bestehende umgebaut, ergänzt und modernisiert wird“, sagt Jurymitglied Dr. Bernhard Hauke – und regt zugleich an: „Wir müssen zukünftig mehr in diese Richtung denken.“ Auch DI Sandra Niebling war begeistert vom Siegerprojekt: „Die Ertüchtigungsmaßnahmen und Ergänzungen wurden mit so einer Sorgfalt in der Detailierung geplant, ich hatte richtig Spaß, die Pläne dieses Projekts durchzuschauen.“

Abwägen, überlegen, entscheiden: Sandra Niebling als Jurymitglied (Standfoto, Verlag Ernst & Sohn)

Dass die Nachhaltigkeit beim Bauen der Zukunft immer wichtiger wird, ist für Sandra Niebling logisch: „Bauvorhaben müssen stärker als bisher darauf überprüft werden, ob sie wirklich notwendig sind.“ Das betrifft zwar auch Projekte der Infrastruktur, aber auch den Bau von Wohnraum: „Gerade beim Wohnbau sind Sanierungen von Altbeständen oft wesentlich nachhaltiger als ein Neubau. Wenn eine Sanierung nachhaltig angegangen wird, kann das den Ressourcenverbrauch entsprechend verringern – und das muss für die Zukunft verstärkt das Ziel sein. Bei allen Arten von Bauen ist das Einbeziehen von Altbeständen häufig die bessere Alternative, auch wenn sie oft mit größeren Herausforderungen verbunden ist.“

Wie sinnvoll ein Neubau sein kann, zeigt ein Beispiel, an dem Sandra Niebling federführend beteiligt war – schon beim Gewinn des Wettbewerbs: Im thüringischen Erfurt entstand eine Brücke für Radfahrer und Fußgänger, die auf konstruktive und tragwerkstechnische Randbedingungen reagierte und zeitgemäße Erfordernisse des Verkehrsflusses, der Barrierefreiheit und architektonischer Zielsetzungen umsetzte.

Promenadendeck Erfurt: barrierefrei, anwohnerorientiert und elegant (Foto: sbp/Niebling)

Mehr Nachhaltigkeit, stärkere Schonung von Ressourcen, eine bessere Wiederverwertung von Baumaterialien und überhaupt ein intelligenteres Bauen – das wünscht sich die Bauingenieurin des Stuttgarter Unternehmens schlaich bergermann partner. Wünscht sie sich auch paritätisch besetzte Jurys? „Alle, die beim Ernst und Sohn Ernst & Sohn Ingenieurbaupreis 2022 in der Jury saßen, verfügten über große Erfahrung und eine enorme Expertise,“ sagt sie, „alle saßen dort mit gutem Recht.“

Ob eine paritätisch oder divers besetzte Jury im Durchschnitt gerechtere und im Durchschnitt vielleicht auch bessere Ergebnisse bringen könnte? Dazu will sie sich nicht äußern – allerdings: Im Kulturbereich und bei Design-Awards mehren sich solche Forderungen in den letzten Jahren.

Das Projekt „Erneuerung Saaneviadukt und Doppelspurausbau“ im schweizerischen Gümmenen jedenfalls hat in ihren Augen den Sieg voll und ganz verdient. Und den anderen ausgezeichneten Projekten gebührt ebenfalls jede Anerkennung, betont sie.

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